Zur Zukunft der GIS-Software in den Biostationen

Stand der Dinge (August 2007)

Die Kolleg/inn/en der Biologischen Stationen in Nordrhein-Westfalen verwenden seit 1999 aufgrund einer gemeinsamen Entscheidung mit finanzieller Unterstützung des Landes NRW und der NRW-Stiftung die GIS-Software ArcView GIS 3.x*, größtenteils in der Version 3.2. Seit einigen Jahren wird vom Entwickler ESRI die Neuentwicklung ArcGIS beworben. ArcGIS stellt im Vergleich zu ArcView eine völlig neue Produktgeneration dar. Zeitgleich mit der Weiterentwicklung von ArcGIS (mittlerweile in der Version 9.2 erhältlich) werden Entwicklung und Unterstützung (Support, Patches, Zertifizierung anderer Software) von ArcView schrittweise eingestellt.

Diese Situation ließ - nicht nur bei den Biologischen Stationen - Fragen entstehen:

  • Führt ein Verweilen bei ArcView zwangsläufig in eine Sackgasse?
  • Ist der Umstieg auf ArcGIS die Lösung?
  • Gibt es Alternativen?
  • Um die ersten zwei Fragen zu beantworten, braucht man zunächst ein paar Fakten zum

    Vergleich ArcView und ArcGIS der Firma ESRI

    Folgende Links seien zur kritischen Durchsicht empfohlen:

  • Ein Artikel zum Vergleich der Produkte der ESRI Geoinformatik GmbH
  • Ein Forumsbeitrag bei anuva Landschaftsplanung GmbH
  • Ein Beitrag der Firma ecogis.
  • Ein Beitrag der Firma EWE AG, der am 08.08.2007 noch per Google-Recherche gefunden wurde, setzte sich kritisch mit 'Pro' und 'Contra' bzw. Anwendungszielen für ArcView und ArcGIS auseinander. Er ist jetzt aus dem Netz genommen, eine Kopie für Interessierte liegt der Servicestelle vor.
  • Eine vergleichende Betrachtung der Produkte führt einem vor Augen, dass hier 'Äpfel' und 'Birnen' vorliegen. Es ist schwierig, von einer eingefleischten Nutzung von ArcView umzuschalten auf eine Software mit einem anderen Konzept der Datenhaltung, Datenbearbeitung und Nutzerführung, wie ArcGIS es darstellt. Von daher ist es verständlich, wenn man sich nach einem Ausflug in die Welt von ArcGIS wieder auf das zurück besinnt, was man hat.(?)

    'Sackgasse' ArcView?

    Die 'Sackgasse' ArcView wird immer noch durch eine weltweite Nutzergemeinde genutzt und gepflegt. Zahlreiche GIS-Foren vermelden täglich neue Fragen, Extensions werden weiterhin entwickelt und unterstützen die Nutzer mit Funktionen, die weit über den Standard-Umfang von ArcView hinaus gehen. ArcView versetzt Anwender - durch Nutzererweiterungen - in die Lage, auch komplizierte Visualisierungs- und Analyseaufgaben zu leisten. Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass der lebhafte Austausch von Nutzererweiterungen zum Stillstand kommt.

    Dass ESRI das Produkt nicht mehr unterstützt, führt eventuell zu Problemen bei neuen Betriebssystemen wie z.B Windows Vista von Microsoft. Man sollte sich hierdurch aber nicht vorschnell verunsichern lassen. Im Falle des Betriebssystems wurde Windows xp seitens Microsoft mit einer verlängerten Support-Frist versehen (siehe z.B. Meldungen bei connect und oncomputer), so dass auch für ArcView noch ein längerer Lebenszeitraum garantiert ist.

    Eine Anwender/innen - Umfrage in den Reihen der Biologischen Stationen hat gezeigt, dass die Mehrheit froh ist, über die Funktionen von ArcView zu verfügen - darüber hinaus werde eigentlich nur marginal mehr Funktionalität (in speziellen Fragestellungen) benötigt. Ein Umstieg oder Einstieg in eine umfangreiche, neue und vor allem im Vergleich dazu recht teure Software kommt nicht in Frage, so lange kein Zwang besteht.

    Man sollte nicht in Abrede stellen, dass ArcGIS an zukunftsweisende Entwicklungen wie die Nutzung von Online-Datenquellen angepasst ist, mehr Datenformate einlesen kann oder einfachere Möglichkeiten des projektionsunabhängigen Arbeitens bietet. Es ist aber für die Aufgaben Biologischer Stationen nicht erheblich, in welchem Koordinatensystem die Daten erhoben werden und in welcher Form sie gehalten werden - Hauptsache, die Formate bleiben für die Fachbehörden kompatibel. Dies bleibt mit dem ESRI-Shape-Format gewahrt. Auch das zunehmende Angebot von Online-Datenquellen stellt kein Argument für einen Bruch mit ArcView dar, zumal wms-Dienste auch mit ArcView genutzt werden können.

    Für viele Anwendungswünsche bietet ArcView bei guter Einarbeitung, eventuell auch erst nach zeitaufwändiger Suche, eine Lösung.

    Viele anfänglich euphorischen Hoffnungen auf ArcGIS bzw. Enttäuschungen über ArcView haben sich mittlerweile relativiert.

    Gleichwohl besteht die Befürchtung, dass durch das Verweilen bei einer nicht mehr fort entwickelten Software der Anschluss an die Zukunft auch des GIS-Know-Hows verpasst wird. Die Universitäten bilden mittlerweile so gut wie gar nicht mehr in ArcView aus. Dennoch besteht ein großes Interesse der existierenden Betriebe (kleinere und mittelgroße Planungs-, Ingenieurbüros, Verbände), ArcView weiterhin zu nutzen. Die hohen Zugriffszahlen auf die bei uns angebotene Häufige-Fragen-Seite oder Downloads für ArcView zeigen das ungebrochene Interesse an Nutzer-Erweiterungen. Die vorliegende Homepage fungiert - wer hätte das gedacht? - als Dienstleister für ArcView-Nutzer aus vielfältigen Regionen, Branchen und Interessengruppen.

    Alternative GIS

    Die Verunsicherung über das Fortbestehen von ArcView lässt auch den Blick auf alternative GIS-Lösungen sinnvoll erscheinen. ArcGIS ist ein vergleichsweise teures Produkt. Wäre ein 'Zwischending' zwischen ArcView und ArcGIS auf dem Markt, so fände dies sicherlich Zustimmung. Es müsste - als Idealvorstellung - die gewohnten Dateiformate bis zur Organisation der Daten in ArcView-Projektdateien und die Legenden/Layoutformate aus ArcView unterstützen, aber zusätzlich projektionsunabhängiges Arbeiten, Datenbankanbindung und das Einlesen / Darstellen zahlreicherer Vektor- und Rasterformate komfortabler anbieten.

    Etwas in dieser Richtung Zufriedenstellendes ist hier (noch) nicht bekannt.

    Ein kostenloses GIS namens spatial commander der Firma GDV besitzt einen großen Teil der Grundfunktionalität von ArcView und erschließt sich ArcView-Anwendern intuitiv. Hier wäre Potenzial, einen Ersatz für ArcView zu schaffen, wenn es mit den Betriebssystemen immer ärger werden sollte: Die Hersteller verfolgen das Prinzip, die benötigten Grundfunktionen (bis hin zu erweiterter Geoverarbeitung) mit der kostenlosen Software anzubieten und nur darüber hinaus gehende Wünsche, Support oder Dienstleistungen mit Kosten zu verbinden.

    Das GIS TNTMips der Firma MicroImages, auf das ich im hoch frequentierten arcview-Forum von anuva aufmerksam wurde, bietet sehr umfangreiche Funktionalität, darunter das unverzichtbare Einlesen und Editieren von ESRI-Shape-Files. Die Einarbeitung in die Oberflächen und Menüs von TNTMips ist gewöhnungsbedürftig, gleichwohl ist die Preisgestaltung im Vergleich zu ESRI-Produkten angenehmer. TNT erfüllt professionelle Ansprüche und setzt - für einen schnellen Umstieg - fundierte GIS-Kenntnisse voraus. Daher kann es leider nicht als leicht erlernbare Alternative eingestuft werden.

    Fazit

    Eine Befragung der Anwender/inn/en aus Reihen der Biostationen führt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Stationen aus Kapazitätsgründen von einem Umstieg auf ArcGIS - oder von einer Einarbeitung in Alternativen - Abstand nehmen und die Nutzung von ArcView fort führen möchte. Die Servicestelle unterstützt weiterhin die Verwendung von ArcView und seinen nutzerseitig entwickelten Erweiterungen.

    Im Falle eines objektiv spürbaren Druckes seitens der Fördergeber zur Verwendung einer neuen GIS-Software wird die Ermöglichung dazu auch von öffentlicher Seite kommen müssen.

    Die Servicestelle wird daneben - auch mit dem Ziel der Kostenminimierung - weiterhin für zukunftsfähige GIS-Alternativen / Weiterentwicklungen mit minimalem Umstiegsaufwand aufmerksam bleiben.

     

    *Die erwähnten Produktnamen sind eingetragene Markenzeichen der Hersteller, auch wenn sie hier nicht deutlich als solche gekennzeichnet sind.

    copyright: edv-servicestelle 2008

    Foto_EDV